Ich bin in einer sich Großstadt nennenden Kleinstadt in Westdeutschland aufgewachsen. In dem aus meiner heutigen Sicht einzigen bewohnbaren Viertel dieser Stadt verbrachte ich die ersten Jahre meines Lebens. Ein Kind der Achtziger oder vielmehr ein Kind in den Achtzigern.
Aber auch die folgenden Jahre, als ich mit meinem kleinen Bruder und meinen linken Eltern, also mit der ungewollten und später gescheiterten Kleinfamilie, in ein anderes Viertel zog, war ich von Zeit zu Zeit noch dort. In den Achtzigern war ich kleiner Besucher des linken, alternativen Straßenfestes am 1. Mai, auf dem Marktplatz dieses Altbaustadtviertels mit billigen Mieten. Unweit dieses Platzes lag der Bioladen und der ebenfalls alternative Buchladen Quadrux, ich aber war zu dieser Zeit eher Fan des gesungenen Wortes. Wir hängten Postkarten an Heliumballons, um Kinder aus fernen Erdteilen, anderen Ländern oder zumindest aus Castrop-Rauxel zu grüßen. Dieser Stadtteil heißt heute noch Wehringhausen.
Der Höhepunkt dieses Festes war für mich und vermutlich auch viele andere Kinder weder ein internationalistischer Redebeitrag noch die Bierbude, sondern der Moment, wo alle ihre Luftballons mit den selbst beschriebenen und am Luftballon befestigten Postkarten mehr oder weniger gleichzeitig losliessen und sie solange am Himmelsausschnitt, den die Häuser freigaben, zu beobachten bis sie verschwanden. Und natürlich lief dazu „99 Luftballons“.
Dieser Stadtteil hält einen Haufen schöne Kindheitserinnerungen für mich bereit und die eben beschriebene ist darunter ein absolutes Highlight. Ich weiß nicht, wie es heute ist, in dieser Stadt zu leben, in der Stadt, der „Extrabreit“ ihren Song „Alptraumstadt“ widmeten und die zufällig die Geburtsstadt von Nena ist, aber als Kind war’s o.k.
Wir sind oder ich bin dann irgendwann weggezogen, im Teeniealter. Das war dann, dessen bin ich mir sogar sicher, noch mehr o.k.
Und dann, 20, 25 Jahre später eine Art Schock. Meine Kindheit ist in Gefahr, ex post sozusagen. Die Frau, die maßgeblich zu dem Soundtrack meiner Kindheit mit beigetragen hat – nicht Anne Kaffeekanne, sondern eben die mit den vielen Luftballons – fängt an über Deutschland, oder besser Germany zu singen.
Nun verfolge ich die Klatschpresse nur dann, wenn sie mir vom U-Bahn Fernsehen aufgezwungen wird und vermutlich hat Nena auch vorher schon jede Menge Mist von sich gegeben und vielleicht ihre Kritik an militärischer Logik gegen Sekten-Fan-Sprüche getauscht, wenn ich das nicht zufällig mit Nina Hagen verwechsel.
Aber da mir völlig unwichtig ist, was eine Frau, deren Song mir als Kind viel bedeutet hat, die ich aber nicht kannte, heute sagt, hab ich das natürlich wieder vergessen. Nicht egal aber ist, was sie singt, denn deswegen hat sie doch den Platz in meinen Erinnerungen: Luftballons halt textmässig auch heute noch sympathisch.
Ein Song, der eigentlich besser heute oder 1999 geschrieben und veröffentlicht worden wäre als deutsche Düsenflieger gerade den Kosovo bombardierten oder verarmte Landbevölkerung am Hindukusch, die den Deutschen Benzin klauen will.
Aber Nena, die mit den Luftballons und den Düsenfliegern, singt ein bisschen mehr als 10 Jahre nach dem deutschen Düsenfliegereinsatz im Südosten Europas und nicht mal ein halbes Jahr nach dem noch viel weiter im Osten nicht mehr das Düsenfliegerlied, sondern wie geil es ist „Made in Germany“ zu sein.
Sie hat scheinbar vergessen, dass die Düsenflieger, die in ihrem Song immerhin das Ende der Welt, zumindest aber „99 Jahre Krieg“ auslösen und die unter den Flügeln dieser Düsenflieger hängenden Bomben immer dieselbe Wirkung haben, auch dann, wenn sie Schwarz-Rot-Gold aufs Heck gepinselt haben. Komisch, ist eigentlich ziemlich schwer zu vergessen.
Und auch vergessen scheint, dass die Welt schon zweimal am deutschen Wesen genesen sollte. Jetzt vielleicht am „german spirit“?
Das Wort Deutschland wird von Nena ganz modern mit einem Anglizismus entschärft, dann hört es sich nicht so nach Weltkrieg an. Und auch nicht nach Düsenfliegern. Zwar auch nicht gerade nach Luftballons, aber man muss ja Kompromisse machen.
Gut, Nena ist nicht die erste und auch nicht die einzige, die so bekloppt ist – es sei hier nur an die literarische und politische Katastrophe „Mia“ erinnert. Aber diese Nena will mir meine Kindheit vermiesen, nicht einmal umbenannt hat sie sich, um die mir die Möglickeit zu geben, „99 Luftballons“ und „Made in Germany“ sauber voneinander zu trennen – das ist auch ein persönlicher Angriff. Und so hab ich beschlossen, immer 99 oder vielleicht auch nur ein oder zwei faule Tomaten dabei zu haben, falls sich irgendwann mal jemand erdreistet, die beiden Lieder am selben Abend zu spielen, sei es Nena oder irgendein DJ. Dann heißt es Feuer Frei! Diese Idee ist so ne Art psychische Notwehr, denn mir graut vor dem Moment, wo ich „Made in Germany“, von dem ich bisher nur den scheußlichen Text kenne, zum ersten Mal hören muss, und zwar mit derselben Stimme wie „99 Luftballons“. Mit der Idee vom faulen Gemüse aber wird die Vorstellung von diesem Moment dann aber fast schon sympathisch.
Made in Germany also. Sie jetzt. Nena mein ich. Made in Germany. Nena made in Germany. German Nena. Guten Tag, ich bin German Nena, made in Germany.
Hi Nena, ich bin Alex, ich hab mal in Hagen-Wehringhausen gewohnt.


